Himmlischer Komfort auf 2.100 Metern
Das Ingolstädter Haus
Das Ingolstädter Haus ist eine von fünf wichtigen Schutzhütten auf dem Weg durch das Steinerne Meer – und das einzige mit richtiger Dusche. Das ist wohl einer der Gründe, wieso Bergsteiger eine oder auch mal mehrere Nächte hier oben verbringen. Aber bestimmt nicht der Einzige. Ein Besuch beim Wirt Michael Millinger.
An diesem Donnerstag im August ist es heiß. Schon um 8 Uhr früh sind es knapp 25 Grad. Im Laufe des Tages wird die Anzeige am Thermometer auf über 30 klettern. Zumindest im Tal. Wer heute auf den Berg möchte muss früh starten und am besten vor Mittag am Gipfel sein. Das wissen die Leute und deshalb ist der Parkplatz Pürzlbach in Weißbach bei Lofer schon gut gefüllt. Emsig packen Wanderer die letzten Sachen in ihre Rucksäcke oder schnallen die E-Bikes vom Fahrradträger ab, mit denen sie ihren Aufstieg verkürzen. Im Minutentakt rollen weitere Fahrzeuge den steilen Serpentinenweg zum Parkplatz hinauf. Weil Sommerferien sind, kommen die Ausflügler von überall her.


Der Parkplatz Pürzlbach ist einer von mehreren Ausgangspunkten zum Ingolstädter Haus in den Berchtesgadener Alpen. Die Tour hat alles, was das Wandererherz begehrt. Es geht durch ein weitläufiges Almengebiet mit urigen Brotzeithütten, beim Aufstieg über den aussichtsreichen Seehorngipfel vorbei an einem kleinen Bergsee, durch ein mit Bächen und Wiesen durchzogenes Hochtal und schließlich den steinigen Weg hinauf zum Ingolstädter Haus. Eine anspruchsvolle, aussichtsreiche Tour, auf der man unbedingt einige Pausen einlegen sollte. So hat man genug Zeit, das Panorama zu bestaunen oder seine Beine in den eiskalten Bächen der Hochwies zu kühlen. Den letzten Aufstieg über Geröll zum Haus sollte man allerdings zügig gehen, weil die Gefahr für Steinschlag recht hoch ist.
Die Route erstreckt sich über knapp 14 Kilometer, gut 1.700 Höhenmeter und dauert je nach Kondition mit Pausen zwischen fünf und acht Stunden. Der direkte, aber durchaus auch anstrengende Weg zum Ingolstädter Haus führt übrigens vom Parkplatz über den Dießbachstausee entlang der Materialseilbahn.
Es ist kurz nach 15 Uhr. Die Schutzhütte des DAV Ingolstadt steht in der hellen Nachmittagssonne da wie das Tor zum Steinernen Meer. Ein imposantes Gebäude aus massivem Stein und dunklem Holz, das trotz seiner Größe zwischen den Felsen ganz klein und urig wirkt. An den vielen Tischen vor dem Haus sitzen mehrere Gruppen zwischen drei und sechs Personen, die eifrig ihre Wanderkarten studieren. Die Köpfe zusammengesteckt fahren sie konzentriert mit den Fingern die rot gestrichelten Routen entlang.

Die meisten haben ihre Wanderausrüstung schon gegen Jogginghose, Fleece und Hausschuhe getauscht. Ein Zeichen dafür, dass sie heute nicht mehr weitergehen. Andere Wanderer stehen in der Hütte am Tresen und wollen sich für die Übernachtung anmelden. „Unser Chef ist gerade nicht da. Kommt erst mal gemütlich an, sucht euch einen Platz und trinkt an Schluck, dann macht er die Anmeldung später mit euch“, tönt es aus der Küche. Dort steht Hendrik in Lederhose, olivgrünem T-Shirt und Cappy.

Während der gebürtige Koblenzer die Neuankömmlinge einweist, bereitet er in zwei großen Eisenpfannen gleichzeitig Kaiserschmarren zu. Es riecht nach karamellisiertem Zucker und angebratener Butter. Vor ihm steht seine Freundin Louisa im Dirndl und zapft Weißbier und andere kühle Getränke für die Gäste. Die beiden wohnen eigentlich in München, verbringen aber die Bergsaison von Mai bis Oktober dieses Jahr am Ingolstädter Haus.
Neben dem Tresen liegt ein Buch auf einer Art Rednerpult. Dort tragen die Gäste ein, woher sie kommen, ihre bisherigen Ziele und wohin sie am nächsten Tag wandern wollen. Potsdam, Hamburg, Dresden und Regensburg steht zum Beispiel dort. Die meisten von ihnen verbinden die Übernachtung mit einer Wanderung durch das Steinerne Meer. Zum Beispiel starten sie beim Riemannhaus, wandern zum Ingolstädter Haus und von dort aus über das Kärlinger Haus zur Wasseralm. Eine Strecke von knapp 32 Kilometern mit gut 2.000 Höhenmetern, die man aber beliebig abkürzen oder abändern kann.


Während das Hüttenteam zwischen Küche, Tresen und Terrasse hin und her läuft, kauert vor dem Haus auf einem Stein ein braun getigerter Kater, der mit geschlossenen Augen ganz zufrieden seinen Kopf gen Sonne streckt. Er zeigt sich gar nicht beeindruckt von den vielen Menschen, die an ihm vorbeigehen. Manche bleiben stehen, wollen ihn streicheln. Aber so richtig Lust hat der darauf nicht, denn immer wenn einer die Hand ausstreckt, dreht er seinen Kopf ganz elegant in die entgegengesetzte Richtung. Pauli, der Kater von Wirt Michael Millinger, verbringt den Sommer schon das vierte Jahr hier oben. Und mittlerweile ist auch er angekommen. Michi trägt Lederhose, kariertes Hemd und Sportschuhe – seine Alltagskleidung hier oben. Viel Verschnaufpause hat er nicht, denn die Gäste wollen sich anmelden, Fragen stellen und warten ungeduldig in der Hütte. Immer wieder bleiben manche beim Anstehen im schmalen Gang mit ihren schweren Rucksäcken aneinander hängen.
Die ersten Planungen für eine Schutzhütte im Steinernen Meer begannen 1928. Schon ein Jahr später stand der Bau des DAV Ingolstadt als Zufluchtsunterkunft für Bergsteiger und Wanderer. Damals führte der Weg von Pürzlbach aus über den Dießbachgrund und dann teils durch den Wald über Almen hinauf. 1961 wurde der Dießbachstausee gebaut, der das Almengebiet flutete. Ein neuer Wanderweg musste her und der ist nun viel steiler und schmaler. Seit 1973 führt eine Materialseilbahn zum Haus, die bis zu 150 Kilo Ladung schafft.

Als es sie noch nicht gab, trugen Mulis den gesamten Proviant nach oben. In deren ehemaligen Stall befinden sich heute zwei Schlafräume mit je acht Betten. Zwischen 2006 und 2009 wurde die Hütte umgebaut und mit einem Anbau an der Westseite erweitert. Im Haupthaus befindet sich ein Matratzenlager mit 90 Plätzen sowie verschiedene Zimmer mit Platz für insgesamt 25 Personen. Die Innenräume des Ingolstädter Hauses gleichen heute eher einem Hotel als einer Schutzhütte. Dort können über 120 Personen schlafen und in drei Gaststuben und auf zwei großen Terrassen gemütlich beisammen sitzen. Viel komfortabler als man sich eine einfache DAV-Hütte vorstellen würde. Aber trotzdem noch so urig und ursprünglich, dass das Flair nicht verloren geht.
Die Seilbahn transportiert Dienstag und Freitag Müll nach unten und Dinge wie neue Bettwäsche, Getränke und Lebensmittel, nach oben. Die kommen fast ausschließlich aus der Region. Zum Beispiel die Kartoffeln vom Schafferbauer aus St. Martin, das Fleisch komplett von der Metzgerei Rass in Lofer, Brotmacht die Bäckerei Volgger aus St.Martin und die Eier stammen vom Lehnerhof. Käse bezieht der Wirt teilweise von der Kallbrunnalm. Highlight ist aber das frische Eis vom Scheiberhof in Unken. So etwas gibt es wohl nicht auf vielen Schutzhütten.

Wirt Michi und der Techniker sind die einzigen, die sich mit der Seilbahn auskennen. Deshalb kann der Hüttenwirt sich auch nicht einfach reinsetzen und runterfahren. „Wenn irgendetwas schief läuft und die Bahn steht, dann sitz ich da drei bis vier Stunden drin und keiner kennt sich aus“, sagt er, lacht und ergänzt: „Und am besten noch am steilsten Stück, dass es richtig angenehm wird.“ Ausnahmen macht er nur für Notärzte oder Höhlenforscher, die ihr Equipment transportieren möchten. Ansonsten ist die Seilbahn ausschließlich für die Versorgung der Hütte da. Um die braucht sich der Wirt generell wenig Sorgen machen. Obwohl die Hütte inmitten steiniger Felsen auf 2.120 Metern Höhe liegt, gibt es genug Wasser für alle. „Wir speichern 120 Kubikmeter Regenwasser und es gibt eine Leitung vom Hundstodrüber. Das Brauchwasser wird dann in der Kläranlage unter der Hütte aufbereitet.“, sagt Michi Das Ingolstädter Haus ist die einzige Schutzhütte im Steinernen Meer, bei der es Duschen gibt. Drei Minuten kosten vier Euro. „Bei uns gehen fast Gäste alle duschen, das ist mir auch lieber, weil es hygienischer ist nach so vielen Wandertagen. Und die geduschten Gäste sind besser drauf.“ Zeit, selbst auf die umliegenden Berge zu gehen, hat der Wirt hier oben kaum. „Der weiteste Weg ist von der Küche zur Kläranlage“, erzählt er und lacht laut auf.


Bei schönem Wetter verbringt der 31-jährige Tag und Nacht hier oben. Nur wenn es mal schlecht wird und weniger los ist, geht er runter nach Lofer, seine Heimat. Dort entspannt er dann aber nicht, sondern arbeitet auf der Loferer Alm. Dort haben er und seine Frau im letzten Jahr ein großes Wirtshaus übernommen, das sie im Winter gemeinsam führen. „Ich fühle mich wohler, wenn ich am Ende des Tages etwas geschafft hab. Ich bin ein sehr schlechter Entspanner und Urlauber“, gibt der Wirt mit einem Schmunzeln zu. Neben ihm steht Kollege Hendrik, schaut ihn an und lacht: „Oh ja, das stimmt. Der ist immer am arbeiten. Als es jetzt fast vier Wochen geregnet hat, war er ein paar Tage unten, dann hatten wir endlich mal was zu tun.“
Tatsächlich schreibt schlechtes Wetter hier oben die besten Geschichten. Während der über drei Wochen lange Regenphase im Juli kamen gut 30 bis 40 Gäste insgesamt zur Hütte. „Eine Gruppe von zehn Leuten wollte eigentlich nur eine Nacht bleiben, daraus wurden dann aber drei. Das waren wilde Abende mit wenig Schlaf“, sagt Hendrik. Die hätten dem Team aber gut getan, denn wenn gar keiner kommt, sei es hier oben schon mal einsam, auch wenn das Team aus sieben Leuten besteht. „Wir hatten keinen Stress, die Gäste waren entspannt, obwohl sie triefend nass oben ankamen. Wir hatten wirklich Zeit, uns intensiv mit ihnen zu unterhalten. Das schaffen wir in der Hochsaison bei voller Auslastung natürlich so nicht.“
Mittlerweile ist es Abend geworden, fast alle Gäste sitzen auf den Terrassen oder in den Gaststuben. Manche noch beim Abendessen andere beim letzten Getränk. Normalerweise macht die Küche um 19 Uhr Feierabend, ganz pünktlich klappt das bei diesem Wetter allerdings nie, vor allem nicht, wenn alle Schlafplätze ausgebucht sind, wie heute. Erst gegen 21 Uhr kehrt langsam Ruhe ein. Die Sonne ist untergegangen, die Gäste sitzen beim letzten Getränk. Auch der Wirt hat sich ein Feierabendbier gezapft. Mit Kollege Hendrik sitzt er auf der Bank vor dem Haupteingang. Hinter ihnen geht der Mond auf.
„Bevor ich hoch kam, habe ich als Maurer und Bauleiter gearbeitet. Vor gut fünfenhalb Jahren wurde mir der Job zu viel. Meine Frau kommt aus der Gastronomie und schlug vor, auch in diese Richtung zu gehen. Ich kündigte und fragte beim vorherigen Wirt nach, ob er nicht hier oben arbeiten könne. „Jo passt, in zwei Wochen sperr ma auf, dann geht’s dahi“, sagte der und ich stand pünktlich oben“ Für Michi war sofort klar, dass er das Haus in der nächsten Saison übernehmen wird. „Ich wusste direkt, was auf mich zukommt. Hab klassisch eine Bewerbung an den DAV geschrieben und es hat geklappt. Arbeiten muss man hier oben schon mögen, aber es macht so viel Spaß.“
Als neuer Wirt hat Michi einiges von seinem Vorgänger Rudi Senninger übernommen, aber auch neue Regeln eingeführt. Zum Beispiel, dass man schon vor 15 Uhr einchecken darf. „ Wenn jemand sagt, Michi da steht wer beim Check-In, dann weiß mein ganzes Team, dass ich mir mindestens eine Minute mehr Zeit lasse“, sagt der Wirt und lacht: „Die Leute lesen eh erst mal alle Zettel um den Tresen herum, schauen Hendrik zu beim Kaiserschmarren machen. Sie sollen wissen, dass man hier oben nicht sofort springen kann. Man muss gemütlich bleiben, dann sind es die Gäste auch.“


Auch morgen werden Hendrik, Michi, Louisa und die anderen vier Mitarbeiter bis spät abends arbeiten und früh aufstehen. Kaspressknödelbraten, Suppe kochen, Kaiserschmarren oder Tiroler Gröstl zubereiten, Getränke ausschenken und zwischendurch immer Fragen der Gäste beantworten. 60 bis 70 Bewerber hat Michi pro Saison. Am liebsten sind ihm Leute ohne Gastronomieerfahrung. „Sonst wird man hier oben narrisch“, sagt er. „Ein gelernter Koch macht mir nichts anderes als Küche. Ich brauche aber Leute, die gerne kochen und den Service machen, aber auch mal im Service anpacken oder die Zimmer machen.“ Im September wird sich auch Michi wieder für die nächste Saison bewerben. Es wäre nichts für ihn, direkt für zehn Jahre zu unterschreiben. Man wüsste ja nicht was kommt und wie man sich entwickeln wird. „Entscheidend ist, dass ich mit den meisten die hier oben arbeiten, als Freunde auseinandergehe. Eine gute Saison haben, gemeinsam lachen und den Gästen eine gute Zeit bieten. Dann schauen wir weiter.“
Im Radio hinter läuft der Titel „All you need is love“, der Mond ist so hell, dass er die Terrasse beleuchtet. Vor ihm breitet sich das endlos weite Steinerne Meer aus. Hendrik und Michi fangen an zu lachen: „Oida, wie kitschig.“
